Grundlagen
Jeder Mensch kann singen. Das Singen ist der ursprünglichste Ausdruck der Gattung Mensch. Die menschliche Stimme ist deshalb auch das unmittelbarste Signal für die seelische und körperliche Befindlichkeit des Individuums. Wir erkennen den Menschen an seiner Stimme, und auch der Einzelne erkennt sich selbst in seiner Stimme. Doch oft ist die Stimme verstellt: durch Kultur, durch Erfahrungen, durch Verletzungen. Dann kennt sich der Mensch nicht mehr in seiner Stimme – er ist „verstimmt“. Dann ist eine Stimmtherapie sinnvoll. Nicht nur zur Heilung von „Verletzungen“, sondern auch, um seine Stimme – und damit einen wesentlichen Teil seines Körpers wie seiner Seele – kennenzulernen. Die Entwicklung der eigenen stimmlichen Möglichkeiten bedeutet nämlich vor allem eine Bereicherung und Erweiterung der eigenen Persönlichkeit.

Die Singstimme wird hervorgerufen durch eine gewisse urtümliche seelische Verfassung und durch eine lange Reihe körperlicher Funktionen.
Der Singtrieb ist als eine Art Eigenheit angeboren und wird meist nur auf übertragene Weise ausgelebt (z.B. durch Musikmachen oder Dichten oder das entsprechende Nachempfinden). Es bedurfte hierin also nicht erst einer Aneignung von außen her. Dieser innere Antrieb, für das sängerische Stimmorgan unersetzlich, verblasst in den Menschen hochzivilisierter Länder langsam.
Die körperlichen Voraussetzungen zum Singen, d.h. die anatomischen Anlagen dazu, sind nicht etwa Begnadung Einzelner: Jedermann hat normalerweise von der Natur die physischen Mittel mitbekommen, um zu singen. Was aber in der Regel beim Normalmenschen zum Singen fehlt, ist die Intaktheit seines Stimmorgans und sehr oft überhaupt nur die Aufgeschlossenheit der naturgegebenen Fähigkeit (das Gesangsorgan befindet sich hier lediglich in einem zum Singen denkbar ungünstigen Zustand).
Singenkönnen gehört einfach zur Gattung Mensch, er ist in seinem Wesen so beschaffen.
Die Anschauung, der Mensch sei von Natur aus unter anderem als Sänger konstituiert und darin höchstens mehr oder weniger verhindert, ist für die Arbeit des Stimmbildners unbedingte Voraussetzung. Stimmbilden ist Re-generieren, ist die Zurückbringung des sängerischen Organs in seinen naturgewollten Zustand, Ausheilung des phonasthenischen Gepräges, also eigentlich: Verarztung. Stimmbildung als solches ist eine Form von Therapie.
Nichts kann dem Organ „Stimme“ von außen her zugefügt werden; was es zu erstreben gilt, muss aus ihm selbst hervorgeholt werden. Das Organ kann lediglich nur dazu angeregt werden, sich selbst zu helfen.
Eine normal unsängerische oder belanglose Stimme ist nur das treue klangliche Spiegelbild eines Zustandes der Unaufgeschlossenheit oder der Schwäche und der Verzerrung, in dem sich das Organ befindet, das sie hervorbringt. Die Therapie, die der Stimmerzieher anwendet, ist in der Hauptsache folglich nichts weiter als eine Aufschließungsarbeit.