presse - SILVAN (der aus dem Wald kommende)

Christian Wolz • SILVAN
(Vocal Art)

Seit 1988 hat Christian Wolz seine Vokalkunst immer in einen konzeptionellen Kontext gestellt. Was anfangs noch als männliches Pendant zu Diamanda Galas beschrieben wurde, hat längst eine eigendynamische Qualität entwickelt. Mit seinem neuen, als „Radio Play“ konzipierten Stück „Silvan“ setzt sich der in Berlin ansässige Wolz mit den durch Menschenhand geschaffenen künstlichen Welten auseinander, die in Form von Zivilisationen und Großstädten ihren Raum innerhalb natürlicher Umgebungen entstanden sind. „Silvan“ stellt einen Versuch dar, aus dieser Kunstwelt auszubrechen und neue Naturbereiche zu erschaffen. Die Eröffnungssequenz des knapp einstündigen „Hörspiels“ mit seinem lieblichen Vogelgezwitscher und Wolz’ Aufschrei wirkt dabei wie eine Geburt, wie das Aufwachen aus einem Traum und die Neuverortung in einem neuen Traum. Schwer identifizierbares Stimmengewirr und synthetische Soundscapes beschreiben die Reise zu den einzelnen Stationen. Neue Sprachen werden erfunden, alte Kulturen neu entdeckt – Christian Wolz bewegt sich mit seiner ausgefallenen, ausdrucksvollen und vielschichtig einsetzbaren Stimme in außergewöhnlichen Traumgefilden und fesselt mit seinem neuen Werk von der ersten bis zur letzten Minute. Wer eine von den 100 CDs ergattern möchte, sollte sie schnell auf www.citoma.de bestellen! dh

dh / Zillo März 2005/2006






SILVAN
Ein subjektives Hörerlebnis anlässlich einer CD-Präsentation


Die CD läuft und schon ...
Unheil naht, ich fühl mich unsicher, da - ein Geräusch, das in die Natur nicht passen will, zwischendurch Vertrautes - Vögel? Ja, angedeutet, und irgendwo gärt es, brodelt es wie zu Vorzeiten. Die Ursuppe kocht noch mal und ein Zwitschern liegt in der Luft, das vor den Vögeln schon da war, oder nach ihnen da sein wird. Einst - wenn Plastikbäume im Wind schwingen werden. Langsam klingen die Vögel wieder echter, Kuckucksrufe, ein menschlicher Laut - wobei man bei Wolz ja weiß, dass er die meisten Klänge mit seiner Stimme erzeugt, so auch das tropfende Wasser und das Grollen, das inmitten der Vogelstimmen zur Bedrohung anschwillt, aber eben auch menschliche Laute. Der Planet wird bevölkert, die Stimmen werden mehr, und da ist wieder dieses Flugzeugrotorengeräusch, ich bin am Tower.

Sie artikulieren sich zu Melodien, zu Worten, die vielgeschichteten Stimmen des Tonkünstlers Wolz. Wie in einem Zeitrafferfilm formieren sich Stimmen, Menschen zu Gesellschaften. Tonsignale begleiten lange Wanderungen. Kontinente werden durchquert und das nicht ohne Gefahren und Überraschungen. Idyllen bleiben zurück. Werden wir hier in Indiana Jones Abenteuer verwickelt? Geheimnisvolle Botschaften dringen durch Wälder, werden eindringlicher und warnen lauter und lauter. Sie versiegen und schon entführen uns Gesänge in andere Epochen.

In dieser Musik steckt die Gleichzeitigkeit - oder etwa die Zeitlosigkeit? Wolz zeigt uns Geschichten unseres Seins, aber Vergangenheit und Zukunft scheinen immer gleichzeitig im Raum zu schwingen. Als ob seine Musik sowohl ein Nachhall der Entstehung unseres Sonnensystems ist als auch eine Vorahnung auf ihre Wandlung und ihren Nachhall. Ein vielschichtiger Madrigal-Chor schaukelt mich in eine unendliche Gegenwart und damit schwinden auch kurz die Rätsel um Vergangenheit und Zukunft. Doch ich werde unterbrochen. Es gibt eben auch die Gegenwart der Maschinen, der Intrigen, Gerüchte und der verschiedenen Ideen von Wahrheit.

Die Stimmen vieler Lebender überlagern sich, so dass selbst Flüstern laut wird. Hinten läuft einer durch den Schlamm. Diese nackte Existenz bringt die Stimmen nach und nach zum Schweigen. Da - ein Signal - ein Streicher, ein Orchester? - Natürlich alles von Wolz selbst eingespielt. Hunde? - Kühe? - Was klingt durch die städtischen Geräusche? Oder war das nur meine Sehnsucht?

Differenzierteste Stimmungen dringen mit dieser feinst ausgebildeten Stimme dieses genialen Autodidakten herüber, es scheint keine Gefühlslage, keine Idee zu geben, die er nicht ausdrücken könnte. Wie ein Tänzer, der eins mit seinem Körper ist, ist er eins mit seiner Stimme. Stimmbeherrschung wäre für diese Kunst ein falscher Ausdruck, denn würde er herrschen, wären bei diesen für meine Ohren oft ungewöhnlichen Lauten seine Stimmbänder längst lädiert. Auch wenn diese Stimme mal traurig, bedrohlich oder einfach mal so richtig fies tönt, so klingt die Lust an diesem vorzüglichen Musik-Instrument immer durch. Und so lässt er auch mal einen fröhlichen Jodler vom Gipfel hallen. Die selbstaufgenommenen Vögel können es an Stimmlust mit ihm aufnehmen, nicht aber in der klanglichen Bandbreite.

Wenn er sich über Klaviersaiten hermacht und sie dann in so vielschichtige Tongemälde einwebt, kann man an surreale Bilder denken, aber mir fällt gar kein Bild ein, das so differenziert wäre. Das geht schon eher in Richtung Hieronymus Bosch. Als ob ein Code in seine Musik eingebaut wäre, den wir erst noch entschlüsseln müssen. Aber das streitet er ab. "Jedem steigen seine eigenen Bilder bei meiner Musik auf. Ich will da gar nichts vorgeben.", meint er im Gespräch nach der Präsentation.

Christian Wolz brachte auch in anderen Musikwerken seine Hörer an verschiedene Orte zu verschiedenen Zeiten. Seine Musik selbst ist allerdings ganz im Jetzt. Er setzt alle Mittel ein, die ein Musiker heute nutzen kann. Die Elektronik ist für ihn daher auch keine Effektmaschine, sie ist ein von ihm virtuos gespieltes Instrument.

Als ob er tausend Spiegel in die Welt gesetzt hätte und sie alle auf den einen lenkt. Und während wir aus unserer Höhle drauf schauen, ist Wolz schon weiter. Er spiegelt uns Konzertsääle vor und gleichzeitig läuft eine Demonstration vorbei. Im Hintergrund klappern die Hufe der herannahenden Kutschpferde. Chaos? - Nein, es ist einfach alles da, eingefügt, überlagert, ausgewogen.

Christian Wolz, ein Künstler ohne schöpferischen Größenwahn, denn er schafftt seine Werke nicht aus dem Nichts, er schafft sie aus Allem. Sein Außenseitertum beschert ihm eine beneidenswerte Draufsicht auf die Welt und ermöglicht ihm die Integration von so vielem in seine musikalischen Bilder. Sehr frei balanciert er mit dem Material, den Bildern und Tönen, kombiniert sie spannend, sehr hörbar, herausfordernd, überraschend. Der kann das einfach, und wir sitzen im Sessel und horchen und staunen. Ein geistig hoch anregendes Musikwerk. Und während wir in edlen Gedanken schwelgen foppt er uns und unterbricht unsere bourgeoisen Sehnsüchte und prangert die Verwerfungen an, die das Feuer, das Metall und die Maschinen gebracht haben - von Menschen gemacht und von einem Menschen uns Menschen vorgeführt. Und damit vorgeführt, dass Maschinen auch Schönes hervorbringen können, von Menschen gemacht.

Antje Grabenhorst / freie Journalistin / 2006





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