presse - devil intus mestra de la fore

Der Berliner Vokalartist Christian Wolz umkreist die menschlichen Urthemen und hat sich auch auf seiner zweiten CD "Devil Intus Mestra De La Fore", mit Tod und Wahnsinn auseinandergesetzt

Es gibt Bilder und Töne, von denen man sich nicht wieder lösen kann. Stimmen aus der Dämmerung, dunkle, machtvolle Schreie, die der Wirklichkeit einen Riß versetzen. Scheinbar unvereinbar mit dem realen Dasein, versucht der Mensch sie ins Terrain des Todes zu verdrängen, solange bis er merkt, daß sie ebenso dem Leben zuzuordnen sind wie Kinderlachen, Reifenquietschen oder das Schrillen der Haustürglocke. Es sind der Schmerz, der hinter den Fassaden sitzt, das Leid, das sich tief in die Seele eingegraben hat die unaufhörliche Zwiesprache mit dem Unterbewußtsein, die sich so einen Weg nach draußen suchen. Christian Wolz, exzessiver Sänger und Konzeptkünstler, kann schon lange nicht mehr weghören. Er sitzt freundlich lächelnd in der ordentlich geputzten Küche seiner Moabiter Hinterhofwohnung und spricht von den Abgründen seiner Wahrnehmung: "Ich bin nicht jemand, der zumacht, der sich in die U-Bahn stellt und ein Buch in die Hand nimmt, um sich abzulenken. Das kann ich nicht. Ich stehe dann da und nehme alles mögliche wahr, was um mich herum passiert. Du gehst einkaufen, fährst U-Bahn und auf einmal hörst du nur noch Schreie. Das nimmt mir manchmal einfach so die Luft weg. Und das ist der Alltag. Aber vielleicht ist das ja der Sinn der Sache, daß ich das so wahrnehme und deswegen auch diese Musik machen kann. Und Berlin ist extrem, denn die Stadt ist eine psychiatrische Anstalt. Als die Mauer drumrum war, war es eine geschlossene Anstalt. Nun ist sie offen." Und mit psychiatrischen Anstalten kennt sich Wolz aus. Jahrelang hat er dort als Krankengymnast sein Geld verdient, dabei die Welt aus der verschlungenen Perspektive der Schutzlosen, Ausgegrenzten und Weggesperrten kennengelernt. "Devil Intus Mestra De La Fore", seine aktuelle CD, ist die beunruhigende Verarbeitung dieser Erfahrungen. Das sechsundzwanzigminütige Werk, das den Untertitel "Lied eines Wahnsinnigen" trägt, ist wie ein einziger, magischer, langgezogener Schrei, der ein dichtes Gefühlsgewebe freilegt. Der ungewöhnliche Vokalist singt sich durch einen Kosmos an gestöhnten, vibrierenden, gekrächzten und geächzten, schillernden, dumpf brodelnden, aufbegehrenden, gurgelnden, kehligen Lauten und entläßt den Zuhörer erst am Ende wieder aus seinem bestürzendverlockenden Bann. Die allegorische Reise ins Innenleben eines isolierten Menschen ist unterlegt mit wenigen, sparsamen Samples, der Text hämmert sich wortarm und monoton ins Hirn. Doch die Schwere, die seiner Arbeit innewohnt, ist im Gespräch mit ihm nicht präsent. "Das Stück hat auch ganz viel mit meinem Vater zu tun. Der war psychisch schwer krank, und ich habe das meine ganze Kindheit durch mitbekommen. Ich selbst bin meine ersten vier Lebensjahre im Heim gewesen, und das hat ja auch ganz viel mit Einsperren zu tun. Ich kann mich heute noch sehr gut daran erinnern, was da so ablief. Die Arbeit ist meinem Vater aber auch deshalb gewidmet, weil ich, seitdem er tot ist, viel mehr von dem verstehe, was da so abgelaufen ist. Ich habe auch das Gefühl, daß ich Kontakt zu ihm habe und er jetzt auch ganz viel davon versteht, was ich mache. Manch einer mag das als Wunschdenken auslegen, aber ich sehe das nicht so." Freigeschwommen aus dem Heilberuf hat sich der energische Vokalist über die visuelle Ebene. Inszenierte Fotografien und bearbeitete Dias sind die Überbleibsel aus dieser Zeit und sie werden immer wieder ins Gesamtkunstwerk integriert. Sandige, lehmige Gesichter erheben sich da aus dem Staub des Bodens - Körper und Erde fließen ineinander über, werden eins. Der Zyklus des Lebens ist der Kreis, in dem sich die Arbeiten von Wolz bewegen. Lustvoll und ganz ohne Melancholie spricht er von dieser ewigen Spirale, die ihn beschäftigt, bis hinein in die hintersten Räume der Seele. "Einige Leute wollen mich unbedingt zu so einem Satansanbeter machen, das bin ich aber überhaupt nicht. Andere fragen, warum machst du immer so düstere Sachen? Für mich ist das alles eine Einheit, Geburt, Leben, Sterben, Tod." Die Umsetzung seiner Wahrnehmungen in heftige Musik und Bilder ist Herausforderung und Notwendigkeit zugleich. Er ist das Medium, der Überbringer, und kanalisiert so auch seine eigenen Ängste. Doch die einzige Angst, die Wolz klar formuliert, ist eine andere: "Ich bin tierisch nervös vor meinen Auftritten und habe diese Angst, zu versagen oder den Ton nicht zu treffen. Ich kriege dann immer so einen fetten Kloß in den Hals und kann vorher keinen einzigen Ton mehr rausbringen. Aber wenn ich rausgehe, ist es weg, ist alles perfekt." Dabei müßte gar nicht jeder Ton stimmen, denn die Kompositionen geben nur einen Rahmen vor, der bei jedem Auftritt mit anderen Stimmschattierungen gefüllt werden kann. Um diese Kompositionen zu notieren, hat der Autodidakt ein eigenes Konzept entwickelt, das nichts mit der üblichen Notenschrift gemein hat. Das Blatt Papier ist eingeteilt in Sequenzen, da hinein werden Einsätze, Variationen und anderes geschrieben. Lethargie kommt jedenfalls keine auf, im Gegenteil. Zur Zeit wird mit Volldampf an einer Ein-Mann-Oper gearbeitet, die im März im Theater am Halleschen Ufer zur Uraufführung kommt. Mit der Unterstützung von zwei Sprechern und zwei Musikern will er erneut neue Wege gehen und live auf der Bühne mit bis zu sechs Mikrofonen arbeiten. "Sicher wird schnell der Vergleich mit Diamanda Galas kommen, weil es in dem Werk auch um Aids geht. Es geht um einen schwulen Mann, der sein Leben dokumentiert, von seiner Geburt bis zu seinem Sterben, seine Wahrnehmung. Das ist auch eine ganz persönliche Geschichte, weil ich eine Zeit hatte, wo ich krank wurde und es hieß, ich hätte Aids. Es war nicht Aids, aber diese Ängste vor dem Tod waren trotzdem plötzlich ganz konkret!" Unterstützung für Projekte wie seine Oper von seiten des Senats zu bekommen, ist für den Künstler, der weder studiert hat, noch in ein bereits vorhandenes Genre paßt, schwer. Männer, die sich auf derart unausgetretenen Vokalpfaden bewegen, gibt es kaum, die Vorbilder sind ausschließlich weiblich. Natürlich liegt Diamanda Galas ganz weit vorne im Rennen, das kann der Sänger zugeben, obwohl ihm immer wieder gesagt wird, er sei ein Epigone, ihr männliches Pendant. Daß Wolz auf ungeübte Ohren wirkt wie die personifizierte Macht des Bösen, oder daß er als fleischgewordene Katastrophe wahrgenommen wird, damit muß er leben. Auftritte, die solche Publikumsreaktionen allerdings erwarten lassen - wie 1992 auf der Popkomm, wo eine vorbeiflanierende Mutter ihn am liebsten wegsperren lassen wollte - will er in Zukunft meiden. Zu schutzlos ist er solchen Übergriffen ausgeliefert, zuviel offenbart er live auch von seinen Gefühlen. Natürlich sind die Wolzschen Vokalanfänge, abgesehen von einer jahrelangen Phase im Kinderchor, so ungewöhnlich wie seine gesamte Kunst. Er erinnert sich gerne daran: im Tunnel an der Siegessäule hat eigentlich alles angefangen, da habe ich drei Monate lang fast jede Woche drei-, viermal gesungen. Habe die Sachen auch aufgenommen mit einem Kassettenrecorder, mit Leuten zusammengespielt, bis es zu kalt wurde, da zu arbeiten. Und für meine Oper will ich auch wieder etwas im Tunnel aufnehmen, mit allen Nebengeräuschen, wenn Leute durch den Tunnel gehen oder obendrüber die Autos fahren."

Anna-Bianca Krause






Christian Wolz in der Parochialkirche

In Wolz' Musik, die zwischen meditativer Ruhe und extrovertiertem Sturm changiert, erscheint Wahnsinn nicht als Bedrohung, sondern als andere Form der Realität, als eine virtuelle Welt, die zwar gefährlich, aber auch friedlich zu sein vermag.

Christine Hohmeyer / Zitty / July 95






Album des Monats II...

Der Weg in die Kulturspalten der Feuilletons ist jedoch vorgezeichnet und es scheint angebracht, der Person Christian Wolz's in Zukunft mehr Beachtung zu widmen. Ein Hoffnungsschimmer am grauen Horizont der zeitgenössischen Musik, die ansonsten nur auf der totalen Reduzierung auf einfachste musikalische Grundwerte und dem ewigen Wiederholen längst erstarrter Schemata basiert.

New Life / Dez. 93






Essigsüße Tonerde...

Wolz ist, wie Phil Minton, David Moss oder Carles Sauros, eine Ausnahmeerscheinung in der eher uniformen Riege männlicher Vokalkünstler.

Anna-Bianca Krause / taz Dez. 93






Rückblick...

Christian Wolz während des 5. Wave/Gothic Treffens in Leipzig im Völkerschlachtsdenkmal. Zu den Konzerten, an die man sich auch noch nach Jahren wird erinnern können, gehört eindeutig die Stimmkunstperformance des Berliners Christian Wolz. ...Ganz in schwarz, schmal, introvertiert und unheimlich verletzlich wirkend erschien Christian Wolz auf der Bildfläche, um sein programm "devil intus mestra de la fore" aufzuführen. Wie nicht von dieser Welt erklingt die Stimme, füllt hallend den ganzen Raum, plötzlich sind überall Töne und Schwingungen. Ohne Instrumente, nur mit Unterstützung zweier Mikrophone und einem Toningenieur, bot Christian Wolz ein wahrhaft spährisches Ereignis. Zwischen wiedererkennbaren Motiven aus aneinandergereihten Vokalen improvisiert er und kostet sein enormes Stimmvolumen und -Vermögen bis ins letzte aus...

"Courious Sister" Judith / Blackbook Juli-August 1996






CHRISTIAN WOLZ - Devil Intus Mestra De La Fore (Danse Macabre)

Diamanda Galas habe ich immer für unvergleichlich gehalten. Nicht nur von den artistischen, ja akrobatischen Möglichkeiten ihrer Stimme her, sondern auch aufgrund ihrer Fähigkeit, mit der Stimme sämtliche Facetten menschlicher Leidenschaften, Obsessionen, Irritationen bis hin zum brüllenden (!) Wahnsinn darzustellen und durchzuspielen. Ihre letzte CD (Vena Cava) habe ich ja in unserer Nummer 8 mit angemessener Rat- und Hilflosigkeit, aber nichtsdestoweniger mit Enthusiasmus vergeblich versucht zu rezensieren. Der Versuch, die neue CD Devil Intus Mestra De La Fore des Christian Wolz zu besprechen, wird sicher ebenso im (gut gemeinten) Versuch stecken bleiben. Dieses neue Werk nennt der Künstler im Untertitel "Lied eines Wahnsinnigen", und genau das ist es. Wolz - und deswegen liegt der Vergleich mit der Galas auf der Hand - ist ein Akrobat der Stimme. Er macht mit diesem "Instrumet" Dinge, er erzeugt mit ihm Klänge, die keine Grenzen kennen/anerkennen. Weder Grenzen der Tonhöhen, noch Grenzen im Sinne von: das ist Gesang, das ist Sprache, das ist Röcheln, Stöhnen, Flüstern, Schreien, noch im Sinne von "das ist (noch) Musik, das ist Lärm, das ist nervtötendes Geschrei, das ist wunderbarer Gesang. "Wolz" hat gemeinsam mit Bruno Kramm (Das Ich) eine Basis von wabernder Elektronik gelegt, auf der diese Stimme sich in ungezählte Spuren auffächert. Mal begegnet uns diese (unbestreitbar hervorragende) Stimme allein, fast nackt, dann überlagert sie sich selbst, begegnet, "überholt" sich, verbindet sich mit sich selbst, bildet ein dichtgeknüpftes Netz, löst sich auf, schließt sich wieder, steigert sich zu irrer Wut, sinkt zu schmerzender Verzweiflung wieder in sich zusammen. Und all das fügt sich zusammen zu einem Werk eines einzelnen, vereinzelten Menschen, das in seiner Komplexität, etwas Erschreckendes, durchaus etwas Rührendes und vor allem etwas ungeheuer Faszinierendes hat. Wolz (Zitat!) "konstruiert eine Methode der Kommunikation von Wahnsinnigen", er klagt, klagt an, beschimpft, verzweifelt in einer künstlichen, von ihm selbst geschaffenen Sprache und das geht (mir) ausgesprochen gemein unter die Haut. Wer sich, und damit zurück zum Anfang, Diamanda Galas gewachsen fühlt und die menschliche Essenz aus ihrer verzweifelten Musik herausspüren kann sollte den Versuch machen, sich auch dem Werk des - Christian Wolz anzunähern. Kommt man ihm und seiner Art sich auszudrücken einmal auf die Spur, kann das großartige und tiefe Erlebnisse zeitigen.

Wk / Notes / 1993





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